Du kannst einen Satz über Mut lesen.
Du kannst hören, dass Mut eine wichtige Eigenschaft ist.
Du kannst sagen: Menschen können mutig sein.
Und Du kannst sagen:
Ich bin mutig.
Es geht jedes Mal um Mut.
Aber nicht um dieselbe Information.
Im letzten Satz bekommt die Aussage einen Bezugspunkt: Dich.
Genau das macht ICH BIN wissenschaftlich interessant.
Nicht, weil diese beiden Worte einen geheimen Schalter im Gehirn umlegen. Und auch nicht, weil es ein besonderes „Identitätszentrum“ gäbe, das auf ICH BIN wartet.
Sondern weil eine Aussage über die eigene Person psychologisch etwas anderes ist als eine Information, die keinen Bezug zum eigenen Selbst hat.
Die Forschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit genau diesem Unterschied.
Was verändert sich, wenn eine Information etwas mit Dir zu tun hat?
In der Psychologie gibt es dafür einen gut untersuchten Zusammenhang: den sogenannten Self-Reference Effect, den Selbstbezugseffekt.
Schon in frühen Experimenten zeigte sich, dass Menschen Informationen besonders gut erinnern konnten, wenn sie diese auf die eigene Person bezogen hatten.
Versuchspersonen bekamen beispielsweise Eigenschaften vorgelegt und beschäftigten sich auf unterschiedliche Weise damit. Sie prüften etwa, wie ein Wort geschrieben war, was es bedeutete – oder ob die jeweilige Eigenschaft auf sie selbst zutraf.
Gerade die Informationen, die mit der eigenen Person verbunden worden waren, blieben besonders gut im Gedächtnis.
Spätere Untersuchungen bestätigten diesen Zusammenhang. Eine große Metaanalyse kam zu dem Ergebnis, dass selbstbezogen verarbeitete Informationen im Durchschnitt besser erinnert wurden als Informationen, die lediglich semantisch verarbeitet oder auf andere Personen bezogen worden waren.
Eine Erklärung dafür ist erstaunlich nachvollziehbar:
Wir verfügen bereits über sehr viel Wissen über uns selbst.
Wer wir sind. Was wir erlebt haben. Was wir mögen. Was wir können. Was zu uns gehört. Was wir über uns denken.
Eine neue Information, die sich auf die eigene Person bezieht, trifft deshalb nicht auf einen leeren Raum. Sie kann sich mit einem bereits vorhandenen Netz aus Erfahrungen, Erinnerungen und Selbstwissen verbinden.
Das Selbst wird dadurch zu einem besonders reichhaltigen Bezugsrahmen für die Verarbeitung von Informationen.
Das bedeutet noch nicht, dass jeder Satz, der mit ICH BIN beginnt, automatisch wirkt.
Aber es zeigt etwas Grundlegendes:
KERNIMPULS
Eine Botschaft verändert ihren psychologischen Kontext, sobald sie zu einer Botschaft über mich wird.
Genau dort beginnt die wissenschaftlich interessante Geschichte hinter ICH BIN.
Was passiert bei Selbstbezug im Gehirn?
Dass Selbstbezug psychologisch eine besondere Rolle spielt, lässt sich auch in der Hirnforschung beobachten.
In bildgebenden Studien werden Menschen zum Beispiel gebeten, Eigenschaften daraufhin zu beurteilen, ob sie auf sie selbst zutreffen. Andere Aufgaben beziehen dieselben oder ähnliche Informationen auf andere Personen oder verlangen eine Beurteilung ohne persönlichen Bezug.
Dabei zeigen sich Unterschiede in der beteiligten Hirnaktivität.
Eine Metaanalyse von Georg Northoff und Kollegen untersuchte zahlreiche bildgebende Studien zur Verarbeitung selbstbezogener Informationen. Besonders häufig waren dabei Bereiche entlang der Mittellinie des Gehirns beteiligt – sogenannte kortikale Mittellinienstrukturen. Dazu gehören auch Regionen des medialen präfrontalen Kortex.
Spätere Forschung hat dieses Bild weiter differenziert.
Eine Metaanalyse von Bryan Denny und Kollegen wertete 107 bildgebende Studien aus, in denen Menschen Urteile über sich selbst oder über andere Personen trafen. Dabei zeigte sich: Selbst- und Fremdbezug nutzen teilweise gemeinsame Hirnregionen. Gleichzeitig unterschieden sich die Aktivierungsmuster innerhalb dieser Netzwerke.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu der Vorstellung, es gäbe irgendwo im Gehirn ein einzelnes Zentrum für unsere Identität.
Das Selbst hat keinen einfachen Schalter im Gehirn.
Wenn wir etwas auf uns selbst beziehen, arbeiten vielmehr verschiedene Bereiche und Netzwerke zusammen. Welche davon besonders beteiligt sind, hängt auch davon ab, was wir gerade über uns beurteilen, erinnern oder verarbeiten.
Für ICH BIN bedeutet das:
Eine Aussage über die eigene Person kann an Verarbeitungsprozesse anschließen, die mit Selbstbezug verbunden sind.
Die Hirnforschung zeigt damit nicht, dass die Worte ICH BIN automatisch eine Veränderung auslösen.
Sie zeigt etwas anderes:
Unser Gehirn verarbeitet die Frage „Hat das mit mir zu tun?“ nicht genauso wie eine beliebige Information ohne persönlichen Bezug.
Und genau deshalb lohnt es sich, noch eine zweite Frage zu stellen:
Reicht Selbstbezug allein schon aus, damit eine positive Aussage hilfreich ist?
Reicht eine positive Aussage über Dich schon aus?
Wenn Selbstbezug eine besondere Rolle spielt, liegt ein Gedanke nahe:
Dann müsste eine möglichst positive Aussage über die eigene Person doch besonders hilfreich sein.
Genau diese Annahme haben die Psychologin Joanne Wood und ihre Kollegen untersucht.
In einer ihrer Studien arbeiteten sie mit dem Satz:
„Ich bin ein liebenswerter Mensch.“
Die Versuchspersonen unterschieden sich darin, wie hoch sie ihren eigenen Selbstwert einschätzten. Ein Teil von ihnen wiederholte die positive Aussage, während eine Vergleichsgruppe dies nicht tat.
Das Ergebnis war bemerkenswert.
Bei Menschen mit höherem Selbstwert zeigte sich ein kleiner günstiger Effekt.
Bei Menschen mit niedrigerem Selbstwert geschah jedoch nicht einfach dasselbe in schwächerer Form.
Sie fühlten sich nach dem Wiederholen der positiven Selbst-Aussage teilweise schlechter.
Auch in einem weiteren Experiment zeigte sich ein ähnliches Muster: Menschen mit niedrigerem Selbstwert profitierten nicht davon, sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, weshalb die positive Aussage über sie zutraf.
Das stellt eine verbreitete Vorstellung über Affirmationen infrage.
Denn offenbar gilt nicht automatisch:
Je positiver eine Aussage über mich ist, desto besser ist sie für mich.
Noch interessanter ist jedoch etwas anderes.
In der Studie begegneten unterschiedliche Menschen demselben positiven Satz.
Und dieser Satz wirkte nicht bei allen in dieselbe Richtung.
Der Satz war derselbe.
Unterschiedlich war die Ausgangslage der Menschen – in dieser Untersuchung ihr Selbstwert.
Damit rückt etwas in den Mittelpunkt, das bei allgemeinen Empfehlungen für Affirmationen leicht übersehen wird:
KERNIMPULS
Nicht nur der Satz ist Teil des Geschehens. Der Mensch, auf den dieser Satz trifft, ist es auch.
Eine positive Selbst-Aussage begegnet immer einem bereits vorhandenen Selbstbild.
Einem Wissen darüber, wer ich bin.
Was ich mir zutraue.
Was ich über mich glaube.
Was sich selbstverständlich anfühlt – und was nicht.
Die Ergebnisse von Wood und ihren Kollegen zeigen damit einen entscheidenden Zusammenhang: Dieselbe positive Aussage kann unterschiedlich wirken, je nachdem, auf welche innere Ausgangslage sie trifft.
Damit verändert sich die Frage.
Sie lautet nicht mehr nur:
Wie positiv ist dieser Satz?
Sondern:
Wie verhält sich das, was dieser Satz über einen Menschen sagt, zu dem, was in diesem Menschen bereits vorhanden ist?
Bis hierher führt uns die Forschung.
Und genau an dieser offenen Stelle beginnt die eigene methodische Frage der Wunderin:
Welche selbstbezogene Aussage ist für welchen Menschen die richtige?
Die Wunderin sucht deshalb nicht nach dem möglichst kraftvollen positiven Satz.
Sie sucht nach der Aussage, die zu diesem Menschen, seinem Ziel und seinem bereits vorhandenen positiven Selbstwissen gehört.
Der persönliche ICH BIN-Satz gibt dem in Bezug auf Dein Ziel bereits vorhandenen positiven Selbstwissen eine sprachliche Form.
Damit wird Passung zu etwas anderem als bloßer Zustimmung.
Ein Satz muss nicht deshalb passen, weil er angenehm klingt.
Er muss auch nicht klein genug sein, damit man ihn problemlos glauben kann.
Entscheidend ist, woher seine Aussage kommt und was sie über diesen Menschen tatsächlich sagt.
Nicht jeder ICH BIN-Satz sagt dasselbe über Dich
Wenn die gleiche positive Selbst-Aussage bei unterschiedlichen Menschen nicht dasselbe auslöst, reicht eine allgemeine Frage wie „Ist dieser Satz positiv?“ nicht mehr aus.
Dann wird wichtig, was dieser Satz eigentlich über einen Menschen sagt.
Denn selbstbezogene Aussagen können an unterschiedlichen Stellen ansetzen.
Ein Satz kann etwas darüber sagen, wer Du bist.
Ein anderer darüber, was Du Dir zutraust.
Und wieder ein anderer darüber, was Du wert bist.
Genau daraus entstehen in der Wunderin-Methode die drei Ebenen:
Haltung. Kompetenz. Selbstwert.
Die Haltung beschreibt den inneren Grundton des Selbstbildes:
Wer bin ich?
Die Kompetenz richtet den Blick auf das Vertrauen in die eigene Fähigkeit und Wirksamkeit:
Was kann ich?
Und der Selbstwert berührt die Frage:
Was bin ich wert?
Alle drei bleiben Aussagen über die eigene Person.
Alle drei bleiben ICH BIN.
Aber sie sagen nicht dasselbe.
Ein Mensch kann beispielsweise überzeugt sein:
Natürlich kann ich das.
Und zugleich nicht selbstverständlich denken:
Natürlich bin ich das.
Oder er kann wissen, dass er etwas kann – und dennoch nicht tief in sich tragen:
Natürlich bin ich das wert.
Deshalb braucht nicht jeder Mensch für dasselbe Ziel denselben Satz.
Nicht, weil ein Satz besonders schön, stark oder positiv klingen muss.
Sondern weil entscheidend ist, welche Art von Selbstwissen für diesen Menschen und dieses Ziel überhaupt von Bedeutung ist.
Die drei Ebenen sind damit keine drei verschiedenen Formen von Affirmationen.
Sie sind drei unterschiedliche Antworten auf dieselbe grundlegende Frage:
Was muss dieser Satz über Dich sagen, damit er wirklich zu Dir gehört?
KERNIMPULS
Nicht jeder ICH BIN-Satz sagt dasselbe über Dich.
Ein Satz kann etwas darüber sagen, wer Du bist, was Du kannst oder was Du wert bist.
Genau deshalb braucht nicht jeder Mensch für dasselbe Ziel denselben Satz.
Was die Wissenschaft hinter ICH BIN tatsächlich zeigt
Die Wissenschaft zeigt keine besondere Macht der beiden Worte ICH BIN.
Sie zeigt etwas Grundlegenderes.
Aussagen über die eigene Person werden nicht wie beliebige Informationen verarbeitet.
Selbstbezug beeinflusst, wie wir Informationen einordnen, erinnern und bewerten.
Und zugleich zeigt die Forschung: Eine positive Selbst-Aussage ist nicht automatisch für jeden Menschen gleichermaßen hilfreich.
Damit stehen zwei Erkenntnisse nebeneinander:
Es macht einen Unterschied, ob eine Botschaft etwas über mich sagt.
Und:
Es macht einen Unterschied, auf welchen Menschen diese Botschaft trifft.
Genau zwischen diesen beiden Punkten liegt der Raum, in dem die Wunderin-Methode ihre eigene Antwort entwickelt.
Sie fragt nicht nur:
Ist dieser Satz positiv?
Sondern:
Was sagt dieser Satz über Dich – und gehört genau diese Aussage zu Dir und zu Deinem Ziel, sodass sie an Dein vorhandenes Selbstwissen anschließen kann, statt ihm zu widersprechen?
Der persönliche ICH BIN-Satz wird deshalb nicht als möglichst starke neue Behauptung formuliert.
Er gibt dem in Bezug auf Dein Ziel bereits vorhandenen positiven Selbstwissen eine sprachliche Form.
Und die drei Ebenen helfen dabei zu unterscheiden, welche Dimension dieses Selbstwissens für Dich und Dein Ziel von Bedeutung ist:
Wer Du bist.
Was Du kannst.
Was Du wert bist.
So entsteht aus ICH BIN nicht einfach ein positiver Satz.
Sondern eine selbstbezogene Aussage, deren Bedeutung darin liegt, was sie über genau diesen Menschen sagt.
Das ist der Punkt, an dem Wissenschaft und Wunderin-Methode sich begegnen.
Nicht, weil die Forschung die Methode bereits vorweggenommen hätte.
Sondern weil sie eine Frage sichtbar macht, auf die die Wunderin eine eigene methodische Antwort gibt:
Welche selbstbezogene Aussage ist für welchen Menschen die richtige?
Wie die Wunderin-Methode daraus bestimmt, welcher Satz für einen Menschen und sein persönliches Ziel der richtige ist, erfährst Du im Artikel „Die Wunderin-Methode erklärt„.
Quellen
Rogers, T. B., Kuiper, N. A. & Kirker, W. S. (1977): Self-reference and the encoding of personal information. Journal of Personality and Social Psychology, 35(9), 677–688. DOI: 10.1037/0022-3514.35.9.677.
Symons, C. S. & Johnson, B. T. (1997): The self-reference effect in memory: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 121(3), 371–394. DOI: 10.1037/0033-2909.121.3.371.
Northoff, G., Heinzel, A., de Greck, M., Bermpohl, F., Dobrowolny, H. & Panksepp, J. (2006): Self-referential processing in our brain – A meta-analysis of imaging studies on the self. NeuroImage, 31(1), 440–457. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2005.12.002.
Denny, B. T., Kober, H., Wager, T. D. & Ochsner, K. N. (2012): A meta-analysis of functional neuroimaging studies of self- and other judgments reveals a spatial gradient for mentalizing in medial prefrontal cortex. Journal of Cognitive Neuroscience, 24(8), 1742–1752. DOI: 10.1162/jocn_a_00233.
Wood, J. V., Perunovic, W. Q. E. & Lee, J. W. (2009): Positive self-statements: Power for some, peril for others.Psychological Science, 20(7), 860–866. DOI: 10.1111/j.1467-9280.2009.02370.x.